[Bücher] „Der Zopf“ von Laetitia Colombani

Drei Frauen, drei Schicksale.
Drei Erzählstränge, aus denen am Ende eine Geschichte wird.

„Smita betritt die Häuser durch eine eigens für sie vorgesehene Hintertür, sie darf den Bewohnern nicht begegnen, schon gar nicht mit ihnen sprechen. Sie ist nicht nur unberührbar, sie soll unsichtbar sein.“ (S. 17)

Schon seit Generationen gehen die Frauen in Smitas Familie der gleichen Tätigkeit nach. Sie sind dafür verantwortlich, die Exkremente anderer Leute zu entfernen. Mit den bloßen Händen. So ist das nun mal als Unberührbare. Smita erinnert sich noch genau daran, wie ihr ihre Mutter damals vor vielen Jahren die Tätigkeit zeigte. Sie erinnert sich daran, sich im Graben übergeben zu müssen. Und an den Geruch. Der Geruch, der sie seitdem tagtäglich begleitet. Doch Smita hat einen Traum: Ihre Tochter soll lesen und schreiben lernen. Nie soll die Tochter mit bloßen Händen die Scheiße anderer Leute sammeln müssen. Und für diesen Traum würde Smita alles tun.

„Manchmal hat Giulia den Eindruck, dass die Zeit an diesem Ort stehen geblieben ist. Während sie draußen, vor den Toren der Fabrik, ihren gewohnten Lauf fortsetzt, fühlt man sich hier drinnen vor ihr gefeit. Ein angenehmes, beruhigendes Gefühl, vermittelt es doch die Gewissheit, dass die Dinge von wundersamer Dauer sind.“ (S. 27)

Giulias Vater ist Besitzer einer Perückenfabrik – eine Familientradition. Giulia ist zwischen den Arbeiterinnen groß geworden. Sie durfte ihrem Vater bei der Arbeit über die Schulter schauen, konnte lernen, wie man dunkles Haar sorgsam entfärbte. Den Bitten ihrer Lehrer zum Trotz ging sie nicht zum Studieren an die Universität. Nein, hier in der Fabrik, an der Seite ihres Vaters inmitten der anderen Frauen, die sie schon ihr Leben lang kennt – hier ist ihr Platz. Erst als ihr Vater einen schweren Unfall hat, ändert sich das Leben von Giulia. Und  das ganz anders, als man zunächst vermutet.

„Die Rolle ist gelernt, geprobt und wird gespielt, jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, das ganze Jahr. Mutter, Führungskraft, Powerfrau mit Sexappel, It-Girl, Superheldin – die Etiketten, mit denen die einschlägigen Magazine Frauen wie sie versehen, sind zahlreich und wiegen tonnenschwer.“ (S. 35)

Sarah hat es geschafft. Sie ist ganz oben. Sie ist besser als die meisten ihrer Anwaltskollegen. Und das obwohl sie eine Frau ist. Wie sie das geschafft hat? Durch ihren eisernen Willen, durch Disziplin. Durch Strenge mit sich selbst. Niemals Schwäche zeigen. Immer da sein. Härter arbeiten als alle anderen. Niemals einen Tag lang fehlen. Doch dann … dann erfährt Sarah plötzlich, dass sie schwer erkrankt ist.

Schon lange bin ich um dieses Buch herumgeschlichen, habe das Cover bewundert, es immer mal wieder in die Hand genommen und den Klappentext gelesen. Ende des letzten Jahres habe ich es dann tatsächlich gekauft, seitdem stand es in meinem Regal. Ich hatte ein bisschen Sorge, dass das Buch sprachlich sehr komplex sein würde.

Meine Sorge war da unbegründet: Die Geschichten von Smita, Giulia und Sarah sind erstaunlich leichtlesig. In kurzen Kapiteln werden immer wieder die einzelnen Frauen beleuchtet. Starke Persönlichkeiten, die für das kämpfen, woran sie glauben. Insbesondere die Geschichte von Smita hat mich berührt. Natürlich habe ich schon vorher von dem Leben in Indien gehört. Und doch schockiert mich vieles, was ich hier lesen durfte. Die Zusammenführung der einzelnen Erzählstränge war in meinen Augen gleichzeitig auf überzeugende Art logisch, als auch etwas enttäuschend einfach. Insgesamt hätte ich vielleicht ein bisschen mehr erwartet.

Nichtsdestotrotz konnte mich „Der Zopf“ gerade auch durch seine Leichtigkeit überzeugen – eine Leichtigkeit, die der Tiefe und Schwere der einzelnen Geschichten keinen Abbruch getan hat. Ich verstehe gut, warum das Buch schon so lange in den Buchläden präsent ist.

 

3 Kommentare zu „[Bücher] „Der Zopf“ von Laetitia Colombani

  1. Ich habe dieses Buch vor ca 2 Jahren als audio book gehört. Auch mich hat das Bild auf dem Cover gelockt.
    Die Geschichte von Smita hat mich berührt und darum kann ich mich noch an sie erinnern. An die anderen zwei Handlungsstränge kann ich mich ehrlich gesagt, nicht mehr erinnern. Ich weiss nur noch, dass ich vom Schluss etwas enttäuscht war.
    Beste Grüsse Emma

    1. Hallo Emma,

      deine Enttäuschung zum Schluss kann ich ein kleines bisschen nachvollziehen. Ich hätte auch noch eine etwas raffinierteres Verweben der Handlungsstränge erwartet. Insgesamt überwog aber der posotive Eindruck!

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